St. Martin und der Vogel

Kürzlich erreichte mich folgende Anfrage per Mail:

„Sagen Sie mir nur, ob es in und um Kevelaer ein Martinslied gibt/gab, in dem ein Vögelchen eine Rolle spielt. Der Liedtypus „Sinter Mätes Vögelsche“ war am Niederrhein und bis ins Bergische Land sehr verbreitet.“

Weiß da jemand weiter? Dann gerne einen Kommentar zu diesem Beitrag abgeben. Vielen Dank!

Kävels Platt als kleverländischer Dialekt

Die Dialekte am unteren Niederrhein und in einem unmittelbar benachbarten Streifen der Niederlande bilden zusammen die kleverländische Dialektgruppe. Typisch kleverländische Wörter sind beispielsweise Ääk ‚Essig’, Look ‚Zwiebel’, Stääkbes ‚Stachelbeere’ oder Steekelferke ‚Igel’. Auch Pock ‚Schwein’ ist hier beheimatet.

Kleverlaendisch_web-300Für die Abgrenzung vom Westfälischen (im Osten), vom Südniederfränkischen (im Süden) und vom Brabantischen (im Westen) bieten sich drei Linien an. In den westfälischen Mundarten hat man den „Einheitsplural“, es gibt es nur eine Entsprechung für hochdeutsches ‚wir fliegen’, ‚ihr fliegt’ und ‚sie fliegen’: Die westfälische Einheitsform endet auf -t, sie ist östlich der „Issellinie“ beheimatet. Das Kleverländische endet im Süden an der berühmten „Uerdinger Linie“, die nördliches eck und südliches ech ‚ich’ trennt. Eis (standardniederländisch ijs) heißt im Kleverländischen Iss oder Ies: In den Wörtern, in denen in den brabantischen Dialekten aus einem ursprünglichen langen i ein Zwielaut (Diphthong) geworden ist, hat das Kleverländische das i (lang oder kurz) bewahrt. Auf der Karte ist die Grenzlinie zwischen kleverländischem Iss/Ies im Osten und den brabantischen Formen im Westen eingezeichnet.

Auf der niederländischen Seite der Grenze kann man also die Dialekte im Norden der Provinz Limburg (Venlo, Venray, Gennep), im Nordosten der Provinz Noord-Brabant (zwischen Gennep und Grave), im Gebiet um Nimwegen und die Dialekte des Liemers (um Zevenaar) zum Kleverländischen rechnen.

Südlich von Kleve ist die sogenannte Pfälzische Dialektinsel eingezeichnet. Sie umfasst die drei Dörfer Pfalzdorf, Louisendorf und Neulouisendorf, in denen Dialekte gesprochen werden, deren Wurzeln im Hunsrück liegen. Entstanden ist die Dialektinsel, nachdem sich hier 1741 Menschen angesiedelt haben, die eigentlich nach Amerika auswandern wollten, aber von den niederländischen Behörden an der Weiterreise gehindert worden waren. Es ist erstaunlich, wie stark sich die Dialekte dieser drei Dörfer noch heute vom Kleverländischen unterscheiden.

Innerhalb des Kleverländischen gibt es unüberhörbare Dialektunterschiede, oft von Dorf zu Dorf. Das Kevelaerer Platt geht mal mit dem Norden, mal mit dem Süden. In Wörtern wie Iss, Titt „Zeit“, bitte „beißen“ oder schmitte „schmeißen“ hat der Dialekt Kevelaers wie in Kleve das kurze i. In Nieukerk sagt man dagegen Ies, Tiet, biete, schmiete. In Goch oder Kevelaer ist Hüss „Haus“ oder Krütt „Kraut“ zu hören, in Straelen oder Vluyn Huus oder Kruut. Je weiter man nach Norden kommt, desto häufiger wird das ü: brunn „braun“ ist Kävels Platt, brünn gehört in die Klever Ecke.

Nord-Süd-Staffelungen prägen das Kleverländische. Eck „ich“ und minn „mir/mich“ sind im Norden beheimatet, in Kevelaer sagt man eck und mej, weiter südlich dann eck und mech. In Krefeld, unmittelbar südlich der Uerdinger Linie also, sind ech und mech zu hören, die aber schon rheinisch, also wie esch und mesch, klingen.

Zu den prägenden, wenn auch vielleicht nicht besonders auffälligen West-Ost-Gegensätzen im kleverländischen Dialektgebiet gehören Fälle wie bitte – bitten „beißen“, lope – lopen „laufen“ oder Menze – Menzen „Menschen“. In Kevelaer wird das alte n im Auslaut (mit bestimmten Ausnahmen) weggelassen, das in den meisten Dialekten am rechten Niederrhein und auch im Raum Moers regelmäßig erhalten ist. ,Gän Berge schnejbelaeje’ und ,Voerbej an grote Staeje’: Wer in Kevelaer kennt sie nicht, diese beiden Verse aus der ersten Strophe des Heimatliedes von Theodor Bergmann. Im Osten des Kleverländischen könnten sie gar nicht reimen, weil dort Staeje „Städte“ und belaejen „beladen“ nebeneinander stehen würden.

Georg Cornelissen
(LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Bonn)